Studiengebühren sind dekultivierend

"Wie lange mußt du denn noch?"

ist wohl eine der am häufigsten gestellten Fragen an Studierende. Verbunden damit sind mehrere Grundannahmen: daß Studium ist ein Muß, das man wohl oder übel in Kauf nimmt, um später einen "guten Job" zu bekommen. Es dauert zu lange und man liegt währenddessen anderen auf der Tasche. Deshalb muß auch zügig ein Abschluß gemacht werden, damit man in den Beruf einsteigen kann und endlich "ordentlicher" Arbeit nachgeht.

Begreift man das Studium aber nicht als zeitlich begrenzte Jobvorbereitung, sondern als eigene Entwicklung und Entfaltung in Kooperation mit anderen und dem Ziel allgemein nützlicher Erkenntnisse, ist die Anforderung des Müssens keineswegs selbstverständlich. Dann kann man auch mit Freude studieren und zwar so lange, wie es den eigenen verallgemeinerbaren Zielen nützlich ist. So wird die Vorstellung des lebenslangen Lernens neu bestimmt: nicht die stete up-to-date-Erfüllung fremdgesetzter Normen, sondern die Freude an persönlicher und allgemeiner menschlicher Entwicklung ist ihr Gehalt. Diese Möglichkeit emanzipatorischer Bildung ist eng verbunden mit dem offenen Zugang für alle.

Wozu dient dann also jener Satz, mit dem man so hartnäckig verfolgt wird? Er soll ein schlechtes Gewissen bereiten, Scham verursachen gegenüber Eltern und Verwandten oder "dem Staat", denen man vermeintlich auf der Tasche liegt, Scham gegenüber anderen Leuten, die ihre "gesellschaftlichen Pflichten" erfüllen, während man selbst an der Uni nur rumtrödelt. Unter dauerhaften Legitimationsdruck soll sich ein jeder immer wieder selbst prüfen, ob er denn mit anderen mithält oder womöglich besser ist. So kann dann als Entschuldigung geltend gemacht werden: wenigstens sind andere noch größere Versager.

Diese Wirkung sollen Studiengebühren noch verstärken: unter dem finanziellen und ideologischen Druck der Studiengebühren soll man sich stets selbst ermahnen, nicht länger als unbedingt nötig in der "sozialen Wärmestube" Universität zu verweilen. Studiengebühren führen also dazu, daß man sich und andere noch mehr als bisher beäugt und überlegt, ob man denn auch genau nur das lernt, was als unbedingt nötig von einem verlangt wird. Der von außen gesetzte Druck soll dabei als scheinbarer freier Wille internalisiert werden.

Ein Jeder soll versuchen angepaßter und billiger zu studieren. Billiger heißt aber in diesem Fall nicht nur, durch zügiges Studium möglichst wenig Gebühren zu zahlen, sondern auch darauf zu verzichten, aus dem reichen Erfahrungsschatz von Freunden und Kommilitonen schöpfen und etwas zu dem ihren beizutragen. Billiger heißt vor allem im Einzelkämpfertum durchziehen, bedeutet stete Konkurrenz zu den Kommilitonen, heißt auf interessante Lehrveranstaltungen zugunsten von Pflichtveranstaltungen zu verzichten, weil das sonst nur Zeit raubt, heißt aus ebendiesem Grund auf Engagement und Veranstaltungen über die Uni hinaus verzichten. Bildung als Entbehrung?
Gegen die stete ätzende Anforderung, die individuelle Wildbahntauglichkeit zu beweisen, steht der Mut zur allgemein nützlichen Wissensaneignung. Hier entsteht die Freude an kollektiv zu gewinnenden Einsichten, an dem Gegenstand der Erkenntnistätigkeit und an anderen Menschen.

Der Boykott der Verwaltungsgebühren als Eröffnung der politischen Kampfansage gegen die vom Hamburger Senat angedrohten allgemeinen Gebühren von 500 Euro pro Person pro Semester ist somit eine doppelte Maßnahme zur Befreiung von der Bravheitsanforderung. Nicht nur werden die Studiengebühren als entscheidendes Dekultivierungsmittel zurückgewiesen; die Beteiligung selber ist bereits ein kollektives Heraustreten aus dem Hinterherhecheln hinter fremdgesetzten Leistungsanforderungen und die Entscheidung für das gemeinsame solidarische Engagement für eine humanistische und allgemein nützliche Perspektive der Wissenschaft.

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